Der letzte Zug - Film ist besonders wertvoll 

Erneut wurde ein Titel aus dem aktuellen Programm des 'Concorde Filmverleih's von der Filmbewertungsstelle Wiesbaden mit dem Prädikat 'Besonders wertvoll' ausgezeichnet. Gedeon Burkhard, Lale Yavas, Sibel Kekilli und Roman Roth übernahmen bei der Deutsch-Tschechichen Produktion Der letzte Zug die Hauptrollen. Joseph Vilsmaier und Dana Vávrová haben Regie geführt und Stephan Glantz das Drehbuch verfasst. Kinostart Deutschland ist der 09. November 2006. Die Filmbewertungsstelle urteilt folgendermaßen:

"Was bedeutet es, einen Leidensweg leben zu müssen? Wie leben im Angesicht des Todes, wie die Würde bewahren unter den Bedingungen der Entwürdigung? Diese ungewöhnliche Perspektive entwickelt der Film mit großer Intensität am Beispiel einer Gruppe von Menschen, die zu den letzten Juden gehören, die bis 1943 noch in Berlin gelebt haben. Von der SS brutalst zusammengetrieben auf dem Bahnsteig, finden sich Menschen, die eben noch in ihrer bürgerlichen Wohnung schliefen, eingepfercht in einem Viehwaggon wieder. Wie radikal sich ihr Dasein gewandelt hat und wie extrem ihre Situation ist, zeigt der Film chronologisch vom ersten bis zum sechsten, letzten Tag. Je weiter die Zeit voranschreitet, desto mehr und desto sichtbarer schwinden die Verhaltensweisen aus der Zeit der Normalität: Höflichkeit, gesittetes Aussehen, Rücksichtnahme. Bald beginnen Hunger und Durst zu quälen, die Hitze des Waggons wird unerträglich. Säuglinge sterben. Mehr und mehr schwindet auch die Körperkraft. Hoffnungslosigkeit und Resignation machen sich breit, Anzeichen von Wahnsinn treten auf, als die ersten Toten im Waggon liegen. Bald wird man sie stapeln müssen...

Der Film zeigt den Albtraum eines Daseins unter traumatischen Bedingungen ungeheuer plastisch. Grauen und Leid werden förmlich physisch spürbar. Der Film rührt an ein Tabu, das unvorstellbare Grauen anschaulich zu machen, geht damit höchst verantwortungsvoll und eindrücklich um. Produzent Artur Brauner hat die Massenvernichtungen in Polen am eigenen Leib erfahren. Er floh aus dem Getto, entkam nur knapp dem Tod. Zwölf Angehörige seiner Familie wurden Opfer des Massakers in der Schlucht von Babij Jar. Filme gegen das Vergessen sind und waren Artur Brauners größtes Anliegen. „Der letzte Zug“, dessen darstellerische und inszenatorische Leistungen beeindruckend sind, hat Kraft und Wucht wie ein Vermächtnis. Die FBW-Jury fand den Film explizit auch besonders geeignet für Schüler ab der Oberstufe."

Quelle: www.movie-infos.de - 19.10.2006

INTERVIEW MIT JOSEPH VILSMAIER UND DANA VÁVROVÁ

Wie sind Sie auf den Stoff aufmerksam geworden?

Joseph Vilsmaier: Der Produzent Artur Brauner hat mir den Stoff angeboten. Er wollte unbedingt, dass ich DER LETZTE ZUG verfilme und hat mir deshalb das Drehbuch zukommen lassen. Und ich muss sagen, dass ich das Buch großartig fand. Er hatte den Stoff übrigens schon vier Regisseuren vor mir angeboten. Ich habe ihm nur gesagt, dass das ein schwerer Film ist und ich ihn deshalb gern mit Dana zusammen machen würde. Das war für ihn kein Problem, also haben wir uns schließlich geeinigt. Das erste Mal hatte ich mit Artur Brauner übrigens vor ungefähr sechs Jahren Kontakt, als er mir die Verfilmung des „Golem“ angetragen hat. Aber daraus ist dann leider nichts geworden.

Dana Vávrová: Das waren wirklich sehr schwierige Dreharbeiten, denn der Film spielt ja hauptsächlich in einem einzigen Raum – dem Viehwaggon. Und wir haben 26 Sprechrollen und noch einen Haufen Komparsen, die alle mitspielen mussten, sowie Kinder, mit denen es immer etwas schwierig ist zu drehen. Es ist ein sehr komplexer Ensemble-Film geworden.

Hat es diesen letzten Transport von Berlin nach Auschwitz tatsächlich so gegeben?

Dana Vávrová: Historisch ist belegt, dass es einen Transport am 19. April 1943 mit 688 Juden gab, leider nicht den letzten...

Joseph Vilsmaier: Aber es hat natürlich noch viele andere gegeben. Mal waren es bis zu 1.700 Menschen, dann „nur“ 80 Menschen, die von Berlin nach Auschwitz deportiert wurden. Der tatsächlich letzte Zug nach Auschwitz fuhr am 12. Oktober 1944 mit 37 Juden. (Anm.: Am 27.03.1945 verließ der letzte Deportationszug Berlin. 42 Personen wurden nach Theresienstadt gebracht).

Dana Vávrová: …aber darauf kommt es hier nicht wirklich an. Man kann unseren Film auch als „Die letzte Reise“ interpretieren.

Wie sind Sie bei der Auswahl der Schauspieler vorgegangen?

Joseph Vilsmaier: Als wir die Regie übernommen haben, standen schon ein paar Schauspieler fest - darunter Gedeon Burkhard, Sibel Kekilli, Lena Beyerling und Brigitte Grothum. Aber bei der Besetzung von einigen anderen hatte wir schon ein Wörtchen mitzureden. Wir haben uns mit dem Casting wirklich sehr viel Mühe gegeben, denn bei so einem Film muss alles zusammenpassen. Also haben wir auch ein paar Schauspieler abgelehnt, nicht weil sie nicht gut waren, sondern weil sie sich – vom Typ her - nicht optimal ins Ensemble eingefügt haben. Mit der Besetzung, mit der wir dann gedreht haben, waren wir mehr als nur zufrieden: Sie war wirklich großartig.

Wie lange haben Sie denn gedreht?

Dana Vávrová: Wir hatten ursprünglich 50 Drehtage geplant und daraus sind dann 52 geworden. Der erste Drehtag war der 4. Mai 2005.

Joseph Vilsmaier : Die Dreharbeiten waren aus verschiedenen Gründen die Hölle. Zum einen waren wir natürlich durch die Natur der Sache ungeheuer beengt beim Drehen. In diesem Viehwaggon waren ja ständig wahnsinnig viele Leute, die alle ihren Platz einhalten, ihre Texte präzise wiedergeben und dazu schauspielern mussten – und das alles bei oft 40 Grad Celsius und mehr. Die Waggon-Sequenzen wurden alle im Studio gedreht. Dann gab es noch Außenaufnahmen in Prag und natürlich die Zugfahrt und die Bahnhof-Szenen, die etwa 50 Kilometer außerhalb von Prag gedreht wurden. Das war logistisch gar nicht so einfach. Denn die Motive mussten ja nicht nur der damaligen Zeit entsprechen, sie mussten auch für uns – und unseren Aufnahme-Tross - erreichbar sein. Der Zug und die Waggons sind übrigens original aus jener Zeit.

Dana Vávrová: Und dann passierte gleich am ersten Drehtag der schreckliche Unfall mit Joseph. Er filmte gerade - von einem vier Meter hohen Kran aus - die Einfahrt des Zuges in einen der Bahnhöfe. Es war die erste Einstellung des Films überhaupt. Und da kippte plötzlich der Kran um! Und Joseph landete – fast wie in Zeitlupe – ein paar Zentimeter vor dem einfahrenden Zug auf den Gleisen. Ich dachte: Das war’s!

Joseph Vilsmaier: Ich habe mir bei dieser Aktion etliche Verletzungen zugezogen und bin sofort vom Drehort ins Kreiskrankenhaus, dann in die Uni-Klinik nach Prag und schließlich mit dem ADAC ins Harlachinger Krankenhaus gebracht worden.

Dana Vávrová: Der Film wurde natürlich sofort gestoppt. Ich wollte, ehrlich gesagt, alles zusammenpacken und – ab nach München (lacht). Aber da hat sich Herr Vilsmaier entschlossen, dass wir den Film jetzt erst recht machen. So etwas Ähnliches hatte ich ja schon einmal erlebt, als er bei den Dreharbeiten zu „Stalingrad“ seinen schweren Unfall hatte. Und auch da wollte er den Film unbedingt zu Ende drehen.

Joseph Vilsmaier: Auf jeden Fall haben wir nach zehn Tagen Pause die Dreharbeiten wieder aufgenommen.

Können Sie die Art und Weise beschreiben, wie Sie gedreht haben?

Dana Vávrová: Wir haben uns täglich sehr gut und genau vorbereiten müssen, damit auch jeder wusste, was er wann wie machen oder sagen musste. Und da wir im Waggon nur mit Handkamera gedreht haben, war es nicht nur sehr schwierig die richtige Choreographie zu finden, es war auch nicht gerade einfach, das Licht richtig zu setzen - von anderen technischen Problemen ganz zu schweigen. Ganz besonders sensibel mussten wir natürlich auch mit der emotionalen Anspannung, die sehr bald alle Protagonisten erfasste, umgehen. Das war ein hartes Stück Arbeit. Aber ich muss noch einmal betonen, dass alle Schauspieler - und alle Komparsen - einfach fantastisch waren.

Welche Reaktion erwarten Sie sich in Deutschland auf diesen Film?

Joseph Vilsmaier: Ich würde mich natürlich freuen, wenn sich gerade so einen Film sehr viele Menschen im Kino anschauen würden. Obwohl ich da schon auch meine Befürchtungen habe. Denn viele Leute wollen im Kino eben nicht mit einer weit zurückliegenden und dazu noch sehr schrecklichen Vergangenheit konfrontiert werden, sondern lieber eine lustige Komödie sehen. Ich würde mir freilich wünschen, dass dieser Film vor allem auch Jugendlichen zugänglich gemacht wird, sozusagen als erzieherische oder zumindest informelle Maßnahme. Ich finde es nämlich ungeheuer wichtig, dass diese Dinge nicht in Vergessenheit geraten. Vor allem bei uns in Deutschland.

Dana Vávrová: Was uns wichtig war, ist, dass wir bei unserem Film auf alle spekulativen Effekte verzichteten und einfach ganz klar und ungeschminkt die Wahrheit gezeigt haben.

Sie haben beide schon sehr viele Filme gemacht, auch gemeinsam. Haben Sie einen Lieblingsfilm?

Joseph Vilsmaier: Meine Filme sind wie meine Kinder, an jedem hängt verständlicherweise mein Herz. Zu meinen Lieblingsfilmen, wenn Sie so wollen, gehören auf jeden Fall „Herbstmilch“ und „Rama dama“, dann aber auch „Stalingrad“, „Schlafes Bruder“ und „Comedian Harmonists“…

Dana Vávrová: Für mich ist es wirklich schwierig, darauf zu antworten. Denn ich betrachte meistens nicht den Film als solchen, sondern ich erinnere mich eher an die Zeit, die ich damit verbracht habe. Und deshalb ist für mich immer der letzte Film der Schönste. Also in diesem Fall DER LETZTE ZUG. Ohnehin habe ich immerhin zwei Jahre meines Lebens verbracht. Von Josephs Filmen mag ich wahrscheinlich „Schlafes Bruder“ am liebsten. Aber auch „Comedian Harmonists“ finde ich toll…

Haben Sie schon neue Projekte in der Pipeline?

Joseph Vilsmaier: Ich werde für das Fernsehen die Geschichte einer der größten Katastrophen der Seefahrt verfilmen, nämlich den Untergang des Passagierdampfers „Wilhelm Gustloff“. Dann plane ich eine Neuverfilmung von „Der Stern von Afrika“. Außerdem ist noch ein Projekt mit Reinhold Messner angedacht, mit dem Titel „Nanga Parbat“.

INTERVIEW MIT DEM PRODUZENTEN ARTUR BRAUNER

Wie sind Sie auf den Stoff aufmerksam geworden?

Leider durch persönliche Erfahrung. Denn ich sollte ebenfalls in einem solchen Todeszug sitzen. Weil es nicht dazu kam, bin ich in der Lage Ihre Fragen zu beantworten…

Hat es diesen letzten Transport von Berlin nach Auschwitz tatsächlich so gegeben?

Ja, effektiv hat es den im Film gezeigten Transport von Berlin nach Auschwitz mit den 688 jüdischen, dem Tod geweihten Menschen gegeben.

Wie sehr beruft sich der Film auf historische Fakten?

Die Einzelschicksale sind teilweise erfunden, teilweise gab es sie tatsächlich – abhängig von den jeweiligen Schicksalsverläufen.

Haben Sie am Drehbuch mitgewirkt?

Ja, ich habe am Drehbuch mitgewirkt. Es haben sich bei den Aufnahmen Situationen ergeben, die eine exakte Orientierung, wie im Drehbuch enthalten, irrelevant machten. Es sind, wie üblich beim Film, die entsprechenden notwendigen Veränderungen vorgenommen worden, die aber an der Dramaturgie nichts veränderten.

Wie sind Sie bei der Auswahl der Schauspieler vorgegangen?

Ich hielt die Schauspieler Gedeon Burkhard, Sibel Kekilli und Brigitte Grothum ganz eindeutig prädestiniert für die vorgezeichneten Rollen - und ich habe hundert Prozent Recht gehabt, sie sind alle großartig in ihrer darstellerischen Leistung.

Sie haben auch tschechische Schauspieler besetzt – warum?

Wir haben tschechische Darsteller in den Film involviert, da es sich um eine deutsch-tschechische Co-Produktion handelt, obwohl der tschechische Partner einen Minoritätsanteil am Film aufweist.

Wo wurde gedreht?

Gedreht wurde in Prag und Umgebung. Außenaufnahmen sind in einem Vorort Prags realisiert worden.

Wie lange haben die Dreharbeiten gedauert und wie hoch war das Budget?

Die Dreharbeiten dauerten über zwei Monate. Das Budget betrug um die 3,5 Millionen Euro.

Wie sind die Dreharbeiten verlaufen?

Ich war bei den Dreharbeiten einmal kurz anwesend. Sie gestalteten sich schwierig, da es sich um einen historischen Film handelt. Als besonders anstrengend erwiesen sich die Aufnahmen im Zug. Die Menschen waren ja in Viehwaggons eingesperrt und auf dieser Grundlage sollten die gesamten dramatischen Handlungen ablaufen. Mit Anekdoten, wie man sie bei anderen Filmen etwa zu erzählen weiß, kann ich bei „Der letzte Zug“ nicht dienen. Dazu ist das Thema viel zu ernst. Aber ich erinnere mich an einige fast dramatische Vorfälle, da bei einigen Darstellern sogar die Assoziation aufkam, dass es sich hier nicht um einen Film, sondern um die Wirklichkeit handelt.

Halten Sie Filme, die - wie DER LETZTE ZUG – die Vernichtung des Judentums während der Nazi-Herrschaft zum Thema haben, gerade auch in der heutigen Zeit für sehr wichtig?

Ich halte Protektion von Filmen, die die Vernichtung der Juden während der Nazi-Tyrannei beinhalten, wie es beim „Letzten Zug“ der Fall ist, gerade in unserer Zeit für besonders wichtig. Denn Menschen vergessen sehr schnell, insbesondere wenn es sich um Vorgänge handelt, die sie nicht direkt tangieren. Ich erlaube mir hier meine Meinung zu äußern, dass dieses Thema noch in 100 und mehr Jahren greifen wird.

Welche Reaktion erwarten Sie sich in Deutschland auf diesen Film?

Es ist schwer im Voraus zu sagen, welche Reaktion hier in Deutschland auf diesen Film erfolgen wird. Aber eines ist sicher: Der Film ist sehr gut inszeniert, er bewegt den Zuschauer bis in die Tiefen seiner Seele, die Schauspieler brillieren, und die Kamera und Musik tun das Übrige. Es sind alle Elemente für einen erfolgreichen Film vorhanden, es sei denn, das Thema wird vom deutschen Publikum wiederum nicht ausreichend honoriert. Aber wir wollen hoffen, dass es in diesem Fall anders sein wird. Und wir haben es erlebt, dass Filme dieser Art auch sehr angenommen werden, wie zum Beispiel bei „Hitlerjunge Salomon“ und „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“. Und ganz besonders bei „Schindlers Liste“.

Sie haben schon einige Filme mit ähnlicher Thematik realisiert. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Die künstlerischen, die politischen und die menschlichen Erfahrungen bei ähnlich gelagerten Filmen waren äußerst positiv, die finanziellen dagegen enttäuschend.

Glauben Sie, dass DER LETZTE ZUG das Bewusstsein für diese Thematik bei der Jugend schärfen kann? Kann „Kinounterhaltung“ überhaupt Botschaften vermitteln?

Ich hoffe, dass der Film nicht nur bei der Jugend entsprechenden Anklang finden wird. Ich bin fest davon überzeugt, dass besonders die mittlere und ältere Generation sich für diesen Film interessieren dürfte. Ich bin überzeugt, dass jeder Zuschauer, der diesen Film sehen wird, ihn niemals vergisst.

Was halten Sie von Filmen wie „Sophie Scholl“ und „Der Untergang“?

Den Film „Sophie Scholl“ halte ich für gelungen und wichtig. Dagegen den Film „Der Untergang“ für ambivalent.

Wie beurteilen Sie denn den Status Quo in Deutschland? Können sich unsere jüdischen Mitbürger in Deutschland im Jahre 2006 sicher fühlen? Sicherer als noch vor zehn, zwanzig Jahren? Oder hat sich der Zustand wieder verschlechtert?

Ich bin nicht der Meinung, dass sich die jüdischen Mitbürger im Jahre 2006 unsicherer fühlen oder fühlen sollten, als vor zehn, zwanzig Jahren. Denn vor zehn, zwanzig Jahren stand es mit der Sicherheitskomponente in Deutschland nicht zum Besten. Und damit meine ich nicht etwa den physiologischen Hooliganismus der Neonazis, sondern eher das Verhältnis zu den jüdischen Mitbürgern, das sich mit viel mehr Gefühl und Verbundenheit hätte darstellen können - was leider nicht geschah…

Schauen Sie optimistisch in die Zukunft?

Ja, denn ich bin jemand, der das halbleere Glas immer als halbvoll bewertet. Und zwar im Sinne einer Zukunft, die durch Hoffnung gesegnet werden soll.

Sie haben so viele Filme gemacht - haben Sie einen Lieblingsfilm?

Natürlich hat man Lieblingsfilme. Bei mir wären es viele. Diejenigen, die mir am meisten am Herzen liegen, sind „Hitlerjunge Salomon“, „Babij Jar“, „Von Hölle zu Hölle“, DER LETZTE ZUG, „Der 20. Juli“ sowie „Der brave Soldat Schwejk“ und „Old Shatterhand“.

Warum haben Sie für dieses Projekt Joseph Vilsmaier als Regisseur ausgewählt?

Joseph Vilsmaier hat u.a. „Comedian Harmonists“ und „Schlafes Bruder“ inszeniert. Zwei – vom Genre her – total verschiedene Filme. Aber beide Filme sind von sehr guter Qualität. Deshalb habe ich ihn für unseren Film engagiert.

Welche Projekte werden Sie als Nächstes machen?

Ich habe meiner Tochter Alice einen großen Teil der geplanten Projekte übertragen. Sie muss die richtige Auswahl treffen. Auf jeden Fall sind zwei Projekte mit bedeutenden Regisseuren fest eingeplant.

STATEMENT VON CHARLOTTE KNOBLOCH

Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, zum Film DER LETZTE ZUG von Joseph Vilsmaier und Dana Vávrová:

„Joseph Vilsmaier und Dana Vávrová berichten in DER LETZTE ZUG von der Vernichtung des europäischen Judentums während der nationalsozialistischen Herrschaft, indem sie dieses unbeschreibliche und unvergleichliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit am Beispiel von Einzelschicksalen Berliner Juden erzählen. Auch wenn ein Film immer nur eine Annäherung an dieses Thema sein kann, ist DER LETZTE ZUG als fiktionale Arbeit ein wichtiges Dokument, da es den Kinobesucher emotional anspricht. Dieser Film zeigt, wohin blinder Hass und eine menschenverachtende Ideologie führen, und ist damit zugleich eine Mahnung für ein Miteinander in gegenseitigem Respekt und Achtung vor dem Gegenüber. Aus diesem Grund hoffe ich sehr, dass DER LETZTE ZUG von vielen Bürgern gesehen werden wird.“

STATEMENT VON GUDRUN PAUSEWANG

Gudrun Pausewang, Autorin von „Die Wolke“, „Die letzten Kinder von Schewenborn“ und „Reise im August“ zum Film „DER LETZTE ZUG“:

„Denken wir Heutigen an jene Güterzüge, sehen wir sie meist nur von außen vorüberrollen und hüten uns auszumalen, was in den Waggons ablief. Durch diesen Film wird man in die Handlung – das heißt in einen der Waggons – hineingerissen und gezwungen, sich mit Menschen zu identifizieren, die sechs Tage lang ihrem Tod entgegenreisen und jede Chance zu nutzen versuchen, um ihm zu entgehen. Ein großartiger Film, der auch die abgebrühtesten Kinogänger beutelt und in seiner Tragik warnend in der Erinnerung des Beschauers haften bleibt: Nie mehr darf ein überdimensionales Unrecht hier oder anderswo geschehen.“

STATEMENT VON HARTMUT MEHDORN:

Hartmut Mehdorn, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG, zum Film „DER LETZTE ZUG“.

„Als mich Artur Brauner ansprach, ob die Deutsche Bahn AG Produktion und Vertrieb des Films unterstützen will, habe ich ja gesagt. Denn es ist wichtig, dass wir heute wissen, welch unglaubliches Leid die menschenverachtende Politik der Nationalsozialisten bedeutet hat. Dass die damalige Staatsbahn, die Deutsche Reichsbahn, an diesen Verbrechen beteiligt war, steht außer Frage. Der Film beginnt mit einem Kameraschwenk auf das Mahnmal am Bahnhof Grunewald, das die Deutsche Bahn AG errichtet hat, um an diese Verbrechen zu erinnern und der Opfer zu gedenken. Auf andere Weise als ein Mahnmal oder auch unsere Ausstellungsarbeit im DB Museum in Nürnberg kann der Film die Besucher emotional berühren. Ich wünsche dem eindringlichen Film viele Besucher.“

Literaturliste zur Geschichte der Deportationen

Czech, Danuta: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945, Reinbek bei Hamburg 1989

Dettmer, Klaus: Die Deportationen aus Berlin, in: Scheffler, Wolfgang/Schulle, Diana (Bearb.): Buch der Erinnerung. Die ins Baltikum deportierten deutschen, österreichischen und tschechoslowakischen Juden, München 2003, S. 191f.

Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, hrsg. von Eberhard Jäckel, Peter Longerich, Julius H. Schoeps (Hauptherausgeber Israel Gutman), Berlin 1993

Gall, Lothar/Pohl, Manfred: Die Eisenbahn in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 1999

Gilbert, Martin: Endlösung. Die Vertreibung und Vernichtung der Juden. Ein Atlas,

Reinbek bei Hamburg 1995

Gottwaldt, Alfred/Schulle, Diana: Die ‚Judendeportationen’ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005

Hilberg, Raul: Die Vernichtung der europäischen Juden. 9., erneut durchgesehene Auflage, 3 Bände, Frankfurt am Main 1999

Hilberg, Raul: Sonderzüge nach Auschwitz, Mainz 1981

Im Dienst von Demokratie und Diktatur. Die Reichsbahn 1920-1945. Katalog zur Dauerausstellung im DB Museum, Regensburg 2002

Lichtenstein, Heiner: Mit der Reichsbahn in den Tod. Massentransporte in den Holocaust 1941 bis 1945, Köln 1985

Materialien zum Denkmal für die Ermordeten Juden Europas, hrsg. von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Berlin 2005.

Meyer, Beate/Simon, Hermann (Hrsg.) Juden in Berlin 1938 - 1945. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, Berlin 2000

Mierzejewski, Alfred C.: The Most Valuable Asset of the Reich. A History of the German National Railway, Volume II 1933-1945, University of North Carolina Press 2000

Voigt, Martina: Die Deportation der Berliner Juden 1941 bis 1945, in: Die Grunewald-Rampe, Die Deportation der Berliner Juden, hrsg. von der Gedenkstätte Haus der Wanseekonferenz und der Landesbildstelle Berlin, Berlin 1993

zusammengestellt von

Deutsche Bahn AG

Konzerngeschichte/Historische Sammlung (KCP)

Potsdamer Platz 2, 10785 Berlin

Quelle: www.concorde-film.de



Endstation Auschwitz
Artur Brauners und Joseph Vilsmaiers Holocaustdrama handelt von der Deportation der letzten Juden Berlins.
Von Julia Marx

Die Exposition ist kurz und knapp: Es ist 1943, in einem Grossraumbüro mit klappernden Schreibmaschinen gibt ein zackiger Nazi die Absicht bekannt, dem Führer eine «judenfreie» Hauptstadt zu schenken. Noch in der Nacht werden die wenigen verbliebenen Berliner Juden aus ihren Verstecken, Betten und Wohnungen gezerrt. Am Bahnhof wartet der titelgebende Zug, der sie, eingepfercht in Viehwaggons, in den Tod fahren soll. Im Folgenden konzentriert sich das Drama auf die (fiktiven) Ereignisse in einem dieser Waggons. Auf die unmenschlichen Bedingungen der tagelangen Fahrt - Enge, Durst, Schmutz, Übergriffe der SS-Schergen - reagieren die rund hundert Menschen darin (gespielt unter anderen von Sibel Kekilli, Gedeon Burkhard und der Schweizerin Lale Yavas) mit Panik, Apathie, Verdrängung oder verzweifelter Hoffnung. Anlass zu Letzterer gibt eingeschmuggeltes Werkzeug, mit dem sich vielleicht ein Fluchtweg bahnen liesse.

Den Opfern der Nazi-Zeit ein filmisches Andenken zu schaffen ist ein erklärtes Lebensziel des jüdischen Produzenten Artur Brauner, dem er sich seit 1948 («Morituri») mit wechselndem Erfolg widmet. Bei seinem neuesten Projekt überliess er die Regie schliesslich dem notorisch plakativen Historienfilm-Routinier Joseph Vilsmaier («Comedian Harmonists»). Seine zusammen mit Ehefrau Dana Vávrová besorgte Inszenierung zielt ganz auf Spannung und Einfühlung ab, doch die Charaktere bleiben blass. Zwar wird jedem von ihnen eine Rückblende in glücklichere Tage gewährt, doch wirken diese Einschübe erstaunlich belanglos, so, als dienten sie bloss als gnädige Atempause vom Geschehen im Zug. Aber eben, dieses Geschehen ist mit dicht an den Protagonisten bleibender Handkamera gefilmt, welche die bedrängende Enge förmlich spürbar macht. Man müsste ja aus Stein sein, um davon nicht aufgewühlt zu werden.

Quelle: Home > Kino  [ZT 23.05.2007]